
Verstehen
Und jeder Passant aus einem fremden Land hörte sie in seiner eigenen Sprache sprechen. Und Petrus erklärte: Der Heilige Geist sei über sie gekommen. Das Reden in fremden Sprachen ist Ausdruck davon (Apostelgeschichte 2). Und Paulus schreibt im 1. Korintherbrief 12, dass das Reden in Zungen zu den Gaben des Heiligen Geistes zähle. Soweit die biblische Ausgangslage.
Als Jugendlicher hatte ich ein solches Reden in Zungen mal erlebt, als ich einen Gottesdienst in einer Pfingstgemeinde besuchte. Da wurde in fremden Sprachen gebetet. Ich empfand das als ein rechtes Durcheinander, weil alle gleichzeitig beteten. Und Sprachen habe ich auch keine erkannt, nur ein grosses Gelalle. Für mich schien diese Art des Betens eher Ausdruck einer Gruppendynamik denn Wirken des Heiligen Geistes zu sein. Man kann es keinem verübeln, so habe ich mir gedacht, wenn er auch so zu reden beginnt, wenn es alle anderen tun.
Später hat mir ein Pfingstgemeindler erklärt, dieses Reden in Zungen sei für ihn einfach ein meditatives Gebet, in dem er die Kontrolle über das Reden dem Heiligen Geist überlasse. Man nennt das ‘Glossolalie’ und er empfinde in diesem Zustand
eine tiefe Verbindung mit Gott. Anders war es an jenen ersten Pfingsten. Nicht das Reden in fremden Sprachen, sondern das Verstehen stand im Zentrum.
Von überall her waren Leute in Jerusalem und sie hörten die Christen in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen. So, dass jeder verstehen konnten, was die Christen zu sagen hatten. Ein jeder in seiner Sprache. Der Heilige Geist hat’s bewirkt.
Noch nie war es so einfach wie heute, sich über die Sprachgrenzen hinaus zu verständigen. Die Sprachübersetzungsprogramme unserer Handys bieten beste Möglichkeiten, mit den Menschen der Welt zu kommunizieren – unglaublich effizient und genau. So, dass man meinen könnte, Sprachen stellten keine Barrieren mehr dar. Aber das Gegenteil passiert: Die Völker dieser Welt scheinen auseinander zu driften. Die Übersetzungen werden besser, verstehen tun wir uns trotzdem nicht.
Also, Pfingsten 2026:
Das Übersetzen können wir getrost Google&Co. überlassen. Was wir so dringend brauchen ist der Geist des Verstehens. Verbindung schaffen, wie es die Pfingstgemeindler tun. Mit Gott, aber auch mit den Menschen. Das können wir nicht alleine.
Möge der Geist des Verstehens vom Himmel rauschen. Und mögen der Menschen Herzen offen sein dafür.
Pfarrer Martin Gauch