
Mit dem «Tiptopf » glauben lernen
Jetzt sind es genau vierzig Jahre her, seit in den Schulen das grüne Berner Kochbuch vom Tiptopf abgelöst worden ist. Welches haben Sie? Eins bin ich mir fast sicher: Das Kochbuch aus Ihrer Schulzeit steht noch heute in Ihrer Küche.
Vielleicht setzen wir einfach gerne auf gewohnte Rezepte. Dass der Pizzateig auf Seite 231 steht, weiss ich auswendig (die Seitenzahlen beziehen sich auf die erste Auflage des Tiptopfs (1986). Die Seite 76 ist in meinem Tiptopf fettig gewellt, denn dort findet man das Rezept für die Béchamelsauce.
Und es ist ja nicht so, dass die alten Rezepte langweilig sein müssen: Im Rezept für den Gleichschwer (S. 259) wird das Süsse durch eine Prise Salz ergänzt und die Spaghettisauce (S. 77) mit einer Prise Zucker. Dahinter steckt die Idee, dass eine komplementäre Zutat ein Gericht harmonischer macht und intensiver. Und irgendwann findet man heraus, dass Senf in einer Tomatensauce einen ähnlichen Effekt erzielt oder gar Rinde vom Parmigiano. Pfeffer vertieft den Erdbeergeschmack. Und ohne es zu merken sind wir ins Experimentieren geraten und emanzipieren uns von den alten Rezepten und das macht Freude. Das Kochbuch nehmen wir dennoch immer wieder hervor.
Auch im Glauben setzen wir gerne auf gewohnte Rezepte. Glaubenssätze, die wir als Kind mitbekommen oder jene Werte, die wir in der Jugend erarbeitet haben, prägen uns oft ein Leben lang. Sie bleiben unsere Richtschur in Glaubensfragen. Auch wenn wir im Laufe unseres Lebens vielleicht in Opposition zu ihnen gehen: Sie bleiben Thema.
Selbst wie wir die Bibel interpretieren, ist geprägt von unseren Glaubensrezepten. Der Fromme liest die Bibel wortgetreu. Die Liberale stellt sie in einen historischen Kontext. Der Politische findet darin Modelle für ein gerechtes Zusammenleben. Die Mystikerin das Einswerden mit dem Göttlichen. Zu welcher Fraktion gehören Sie?
Lernen wir vom Kochen: Es gibt viele hervorragende Rezepte. Aber komplementäre Zutaten machen das Gericht harmonischer und intensiver. Der Liberale darf seinen Glauben ruhig auch mit einer Prise Herzensfrömmigkeit würzen. Der Politischen täte etwas Mystik gut. Und das Bewusstsein, dass die Bibel in die Antike hineingeschrieben worden ist, könnte den Glauben der Frommen in mancherlei Hinsicht leichter machen.
Mit alten Rezepten, verbunden mit Offenheit und Demut, köcheln wir Christen am grossen Gericht, das uns dereinst zum göttlichen Festmahl führen wird. Und ja, ich habe Freude, an der Doppeldeutigkeit des Wortes ‘Gericht’. Selbst vom Tiptopf können wir also für unseren Glauben lernen.
Pfr. Martin Gauch, Brienz